4. Mai 2019

Brexit – The Uncivil War (Filmkritik)

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Ich interessiere mich für Politik ungefähr genauso sehr wie für das Paarungsverhalten von Rotkehlchen. Wobei, im Grunde genommen fände ich es tatsächlich ziemlich spannend zu erfahren, wie Vögel sich vermehren – wohingegen es mich völlig kalt lässt, welches Fossil in welchem Regierungsrat wieder welchen Beschluss durchzubringen versucht, damit am Ende ohnehin wieder alles läuft wie immer.
Das Schlagwort „Brexit“ hingegen ist ein Thema, um das man einfach keinen Bogen machen kann, so sehr man auch wollte – und das offenkundig wahrnehmbare Auswirkungen hat, selbst für einen Politikallergiker für mich. Dass Großbritannien die EU verlässt würde Auswirkungen auf die Einreise in den Inselstaat haben und viele Aspekte der Reise geradezu unplanbar ungewiss machen, ganz zu schweigen von wirtschaftlichen Auswirkungen – nicht gerade wenige Firmen haben ihren Hauptsitz wohl bereits aus Großbritannien zum Beispiel in die Niederlande verlegt. Kein Tag vergeht, an dem nicht mindestens ein Mal der Begriff „Brexit“ im Radio oder im Fernsehen fällt und genau aus dem Grund wollte ich mir auch diesen Spielfilm ansehen. Und weil Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) den Protagonisten verkörpert.

Inhalt

Der Film basiert auf tatsächlichen Ereignissen, zusammengesetzt aus Interviews und lediglich aus Unterhaltungsgründen angepasst – das behauptet jedenfalls der Vorspann, dem ich gutmütig glauben möchte. Protagonist ist die auf jeden Fall reale Persönlichkeit Dominic Cummings, ein politischer Berater, der hinzugezogen wurde, als sich das Referendum zum EU-Austritt bzw. -Verbleib androhte. Politische Gegner der EU engagierten den sehr eigenen Strategen unter dem Versprechen ihm freie Hand zu lassen, worauf dieser mit seinem Team und einer Menge voll geschriebener Wände die Kampagne „Vote Leave“ auf die Beine stellte. Er behauptet sich gegen Widersacher in der Gegenbewegung ebenso wie in den eigenen Reihen, stellt Statistiken zusammen und erschließt neue, bisher unbeachtete Wählergruppen – nicht ganz ohne die Hilfe einer dubiosen Online-Agentur, die Benutzerdaten aus u.a. Social Media-Kanälen für eben solche Wahlkämpfe zusammenstellt, analysiert und für den Zweck des Auftraggebers einsetzt. Mit knapper Mehrheit gewinnt Cummings Kampagne und entscheidet somit den Austritt aus der EU – doch mit den darauf folgenden Aufständen begann man auch die Mittel von „Vote Leave“ in Frage zu stellen und Brüche des Wahlgesetzes vorzuwerfen…

Brexit - The Uncivil War Review KnockoutBrexit - The Uncivil War Review Knockout

Machart

Schon der Blick auf das Backcover der DVD-Hülle überraschte mich als ich die Laufzeit von lediglich knapp über 90 Minuten erblickte. Ein so komplexes Thema und dann auch noch ein politisches Thema in so kurzer Zeit abzuhandeln wirkte – gelinde gesagt – ambitioniert. Und tatsächlich hat der Streifen ein sehr gutes Tempo und teilweise wirklich großartige Schnitte, die die Spannung erhalten anstelle das ganze Thema so sehr zu strecken und so staubtrocken darzustellen als würde man höchst selbst in der hintersten Reihe irgendeiner Parlamentsrunde sitzen. Kaum ist Cummings in seinem Büro, brütet über Slogans, Wählergruppen und setzt sich schließlich auch mit zwielichtigen Dienstleistern zusammen, bekommt man einen gehörigen House of Cards-Flashback mit zweifelsohne ähnlichem Feeling. Überhaupt passen die meisten Machenschaften während diesen Wahlvorbereitungen spontan eher zu Donald Trumps Wahlkampf (und wenn man dem Abspann glauben darf, gibt es da sogar Parallelen). Auch der Einsatz von einigen orchestralen Musikstücken ist super auf Schnitt und Handlung angepasst und macht diese Szene der Politik tatsächlich spannend. Mindestens so spannend wie das Paarungsverhalten von Rotkehlchen auf jeden Fall.

Fazit

Zugegeben, ich finde es großartig bei einem solchen Thema nicht zu sehr auszuschweifen, andererseits hat man im Nachgang dadurch aber auch den Eindruck, dass einige Aspekte definitiv nicht ausreichend behandelt wurden. Einige Szenen zeigen die Relevanz der digitalen Vernetzung wirklich großartig, wie wichtig der Einsatz der sozialen Medien am Ende aber tatsächlich war, wird nicht einmal im Ansatz klar und auch der äußerst starke Aspekt der Gegenseite, die realisiert, dass sich diese Entscheidung bereits seit Jahrzehnten durch Angst und Hass angedroht hat, kommt etwas kurz. Nichts desto trotz war es ein überaus interessanter und gleichzeitig sehr unterhaltsamer Film, selbst für jemanden, der mit Politik in der Regel so überhaupt nichts am Hut hat. Und auch spannend war es eine Geschichte über den Brexit zu sehen, in der nicht ein einziges Mal der Name Theresa May fällt – wenn man die Nachrichten der letzten Wochen und Monate so hört möchte man eigentlich meinen, dass die Frau das ganze Debakel völlig alleine auf die Beine gestellt und durchgekämpft hat… Aber wie auch der Abspann ganz richtig besagt: Diese Geschichte ist noch nicht vorbei. Naja, Hauptsache Cumberbatch darf jetzt die Halbglatze wieder zuwachsen lassen.

Brexit - The Uncivil War

7.9

Wertung

7.9/10
  Kritik
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