12. Dezember 2018

Mortal Engines: Krieg der Städte – Filmkritik

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Bereits seit 10 Jahren arbeitet man an der Umsetzung der gleichnamigen Romanvorlage, für die u.a. Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson das Drehbuch schrieb. Er und Regisseur Christian Rivers kennen sich bereits seit Jahrzehnten von ihrer ursprünglichen Zusammenarbeit an Jacksons Langfilmdebüt Bad Taste (einem allenfalls durchschnittlichen B-Movie) und die Kooperation bei der Neuverfilmung von King Kong brachte Rivers für die Spezialeffekte sogar einen Oscar ein. In Sachen Spezialeffekten hat er sich auch mit Mortal Engines wieder genau das richtige Projekt ausgesucht.

Die Geschichte

Der Film spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, in der ein Krieg den Großteil der uns heute bekannten Zivilisation und seiner Bevölkerung ausgelöscht hat. Die übrigen Menschen leben in Städten, die auf riesigen komplexen Maschinen über die leeren Landmassen fahren und sich gegenseitig bekämpfen und ausrauben. Die fahrende Stadt London ist eine der größten ihrer Art und mit implementierten Teilen von alten Sehenswürdigkeiten gleichzeitig auch mit die schönste. In der Mehrklassengesellschaft dort lebt auch der neugierige Tom Natsworthy, der im London Museum arbeitet und auf Relikte der alten Welt aufpasst – seien es ebenfalls von Universal stammende Figuren der aktuellen Popkultur, die scherzhaft als „Götter der alten Welt“ bezeichnet werden oder eine Vitrine mit alten, zerstörten Smartphones, Tablets und Fernsehern mit der Überschrift „Screen Age“, also „Bildschirmzeitalter“. Die Zeit in der Tom lebt ist trotz fahrender Riesenstädte eine im Vergleich zu unserer deutlich rückständigere, vom Wissensstand und Denken der Menschen irgendwo zwischen dem Mittelalter und der Industrialisierung anzusetzen. Sein Leben sollte gehörig auf den Kopf gestellt werden als sich London den zu flüchten versuchenden Hauptteil eines bayrischen Dorfes einverleibt und die junge Hester Shaw auftaucht, die mit verhülltem Gesicht in den Reihen der Neuankömmlinge steht und den Blick schweifen lässt.

Sie ist auf der Suche nach einem ganz bestimmten Mann und das bereits seit Jahren. Thaddeus Valentine ist ein hochrangiger Bewohner Londons, der bei Angriffen und Übernahmen über die Brücke verfügt und federführend beim Energieprojekt ist, das im Geheimen in der Spitze der Stadt, der St. Paul’s Cathedral, gebaut wird. Er ist angesehen und wird von den Massen verehrt, doch als Hester ihn in der Masse entdeckt sieht sie rot und zückt das hereingeschmuggelte Messer. Im daraufhin ausbrechenden Kampf geraten Hester und Tom in den gigantischen Abfallschlund, der sie beide aus der Stadt in die Outlands befördert – end- und leblosen Gras-, Sumpf- und Wüstenlandschaften. Doch so leer sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, so gefährlich sind sie letztlich – denn auch zahlreiche Plünderer und Menschenhändler sind mit ihren kleinen fahrenden Städten unterwegs und um sicherzugehen, dass sein dunkles Geheimnis gewahrt bleibt, setzt Valentine zu allem Überfluss auch noch eine uralte gefährliche Maschine auf Hester an.

Die Figuren und Darsteller

Jackson und dem Team war sehr daran gelegen die überwiegend jungen Protagonisten mit karrieretechnisch noch unbeschriebenen Blättern zu besetzen. Zwar kennt man Robert Sheehan, der Tom spielt, bereits aus der britischen Serie Misfits, gerade aber die isländische Hera Hilmar (Hester) und die südkoreanische Rockmusikerin Jihae (Anna Fang) sind im internationalen Rahmen noch ziemlich unbekannt. Das bekannteste Gesicht im Film hat zweifelsohne Hugo Weaving, der berühmt ist für seine Rolle als Elfenoberhaupt Elrond aus den ebenfalls von Peter Jackson stammenden Trilogien Herr der Ringe und Der Hobbit.

Ich muss leider sagen, das an sich alle Charaktere eher enttäuschend waren. Da baut man schon so eine kreative, wohl noch nie da gewesene Welt auf und bevölkert sie anschließend mit solchen ausgelutschten Klischee-Hauptfiguren. Der größenwahnsinnige Antagonist, der immer zu scherzen aufgelegte Junge mit großen Träumen, der unglücklich in das Abenteuer hineinstolpert, das toughe zunächst abweisende Mädchen, das bis zum Ende des Films ihren weichen, liebesbedürftigen Kern enthüllt… und allen voran die eine Asiatin, die inklusive Frisur, Make-Up, Klamotten und Kampfkunst jeden Stereotyp mitnimmt, den man mit ihrer Herkunft in Verbindung bringen kann. Der interessanteste Charakter im Raster ist tatsächlich der hunderte Jahre alte Cyborg, dessen Empathie und Erinnerung für den Kampfeinsatz entfernt wurden, der über die Zeit hinweg aber allzu menschliche Eigenarten widererlangt. Er bekommt sogar eine Vorgeschichte spendiert, leider reicht seine Screentime letztlich aber doch nicht, um als Zuschauer wirklich eine Bindung zu ihm aufzubauen.

Die Spezialeffekte

Ganz großes Kino ist der Film zumindest hinsichtlich seiner Bildgewalt. Die riesigen fahrenden Städte von innen und außen, die unterschiedlichen Luftschiffe, die Gefechte und Explosionen… alles ist wirklich beeindruckend und auf dem höchsten Stand der Technik, was nur noch einmal mehr untermauert, wie sehr Peter Jackson und Herr der Ringe das Filmgeschäft in Neuseeland zum Boomen gebracht haben. Selbst der Ton, über die richtige Soundanlage wahrgenommen, löst ein wohliges Zittern aus – sei es der Erzähler in den ersten Sekunden des Films oder die optisch wie auch akustischen Explosionen am Ende.

Fazit

Ich bin trotz des vielversprechenden Teaser-Trailers vor nun einem Jahr ohne wirkliche Erwartungen in den Film gegangen, weshalb ich glücklicherweise nicht enttäuscht werden konnte, leider reichte Mortal Engines aber auch nicht dazu mich zu begeistern. Bedauerlicherweise verschenkt man hier ungemeines Potential und ich bin beinahe entsetzt darüber, dass so viele Beteiligte aus dem Herr der Ringe-Team hier mitmischten, die Welt aber dennoch nicht gebührend rüberbringen konnten. Denn wohlgemerkt: Die Welt ist großartig und unfassbar interessant, eben weil so eine Idee vorher noch nicht umgesetzt wurde (Das Wandelnde Schloss lassen wir mal außen vor). Das mit langen Beinen durch das Meer laufende, riesige Gefängnis und die prachtvolle fliegende Stadt über den Wolken hauen einen beim ersten Blick direkt aus den Socken, werden allerdings in ein paar schnellen Minuten abgehandelt, sodass einem nicht viel mehr davon bleibt als der flüchtige erste Blick. Selbst London, Hauptschauplatz der Handlung wird seinem Potenzial nicht einmal entfernt gerecht. Ein paar wilde Kamerafahrten durch das beeindruckende mechanische Innenleben, ein paar durch die Gassen und Straßen der Stadt – gerade genug, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt wiederzuerkennen und von der Detailliebe bei den Kostümen beeindruckt zu werden, allerdings nicht genug, um überhaupt ein Gefühl für die Menschen und das Leben dort zu bekommen.

Beispielsweise das bayrische Dorf, das am Anfang des Films verschlungen wird. Die Menschen darin werden in London aufgenommen, doch es wird nie geklärt oder gezeigt, ob diese sich nun als gleichwertige Bewohner ansiedeln dürfen, ob sie zu Arbeit versklavt oder doch im Geheimen hingerichtet werden. In der Stadt sieht man ab und zu für den Bruchteil einer Sekunde interessant verhüllte Gestalten, die eine Art Schleierfächer vor dem Gesicht tragen und Teil einer Religion sein könnten. Gibt es in dieser fernen fremden Zukunft noch eine Form von Religion? Wen betet sie an? Im Laufe des Films zumindest erfahren wir es nicht, wir müssen lediglich mit der Andeutung leben. Und das ist ein roter Faden, der sich durch die kompletten 129 Minuten Mortal Engines zieht – man wechselt von einem bildgewaltigen Ort zum nächsten, befördert die Hauptfiguren von einer Verfolgungsjagd in die nächste brenzlige Situation, aber eine wirkliche Welt wird darum nicht aufgebaut – alles fühlt sich in dieser Form eher wie Kulissen an und nicht wie lebendige Umgebungen.

James Camerons Avatar ist ein schöner Vergleich mit ebenso lahmen Figuren, einer 08/15-Handlung samt überflüssiger Liebesgeschichte und mit geilen Effekten in einer kreativen Welt, mit dem Unterschied, dass man darin merkt, dass mehr Gedanken und Vorbereitungen in die Welt geflossen sind als in die eigentliche Geschichte. Tiere und Pflanzen wurden erfunden, ihr Zusammenleben war durchdacht, die verschiedenen Kulturen wurden beleuchtet und dem Zuschauer verständlich gemacht. Auch in Herr der Ringe bekam man ganz wunderbar ein Gefühl dafür, wie unterschiedlich Hobbits, Elfen, Orks und Menschen leben, sich verhalten und wie sie zueinanderstehen – allein deswegen kann ich absolut nicht verstehen, wie wenig Aufmerksamkeit das Mortal Engines-Team diesem elementarem Punkt beigemessen hat, während die richtigen Ansätze doch da waren – die Kostüme sind großartig und es gab sogar Dialektcoaches am Set, die London mit verschiedenen britischen Akzenten versehen haben (nicht relevant für Zuschauer der deutschen Fassung, aber ein gutes Beispiel für die grundsätzlich richtigen Intentionen). In der vorliegenden Form ist Mortal Engines leider nicht mehr als ein buchstäblich flacher, hohler Blockbuster mit viel wunderschöner CGI und viel Action, der davon abgesehen aber leider nahezu keinen Gehalt und einige Durststrecken im Mittelteil hat. Er macht einem eine neue, spannende Welt schmackhaft, fliegt dann aber nur einmal in unbefriedigender Höhe darüber hinweg. Schade drum.

Wertung

6.7

Fazit

6.7/10
  Kritik
1 Comment
  • Zimmy 3 Monaten ago

    Sehr gute Filmkritik. Der Vergleich mit Avatar ist naheliegend. Werde ihn mir später zur Heimkino-VÖ mal anschauen, da mich trotz der Story sehr die Bildgewalt interessiert.

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