10. Juli 2019

Judgment im Test

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Mit Yakuza 6: The Song of Life hat die charmante Spielereihe rundum Kazuma Kiryu ein verdient toll inszeniertes Ende gefunden. Dass SEGAs geschaffenes Yakuza-Universum jedoch noch lange nicht komplett beendet werden soll, nahm mir persönlich ein wenig die Trauer, da ich immer wieder gerne in diese Spiele eintauche. Mit Judgment ist nun ein Titel erschienen, welcher zwar nicht den Namen Yakuza trägt, aber dennoch exakt ins Schwarze trifft und sich vor der großen Marke nicht verstecken braucht. Ihr vermisst Kazuma? Dann solltet, beziehungsweise müsst ihr Takayuki auf jeden Fall eine Chance geben!

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Fesselnd und düster

In Judgment übernehmt ihr die Rolle des Privatdetektivs Takayuki Yagami. Ein sympathischer Typ und ehemaliger Anwalt, der im strengen Japan einen schwierigen Fall als Strafverteidiger gewann. Jener, dem er einst die Freiheit ermöglichte, ermordete später eiskalt Takayukis Freundin. Geplagt von Rachegedanken und wenigen Aufträgen im Job spielt ihr mit Judgment, wie schon bei vorherigen Teilen der Reihe, nicht nur ein unterhaltsames Abenteuer mit viel Humor und Witz, sondern vielmehr eine packende Story mit einigen cineastischen und teils langen Zwischensequenzen, die wenn ihr euch darauf einlasst, trotz all seiner Überinszenierung und überzogenen Dramatik zünden kann. Gepaart mit einigen Hauptfällen und Nebenaufgaben entpuppt sich das Spiel schnell als würdiger Nachfolger des beliebten Open World-Prüglers.

Kamurocho, wie wir es kennen und lieben

Auch wenn der Name ein neuer ist, sind sich Judgment und Yakuza unheimlich ähnlich. Überwiegend findet das Spielgeschehen im altbekannten und an Kabukicho angelehnten Vergnügungsviertel Kamurocho statt. Die Open World ist von der Größe zwar nicht mit einem GTA 5 oder Watch Dogs 2 zu vergleichen, punktet dafür aber wiederum mit seinen unzähligen Geschäften, Restaurants, Casinos oder Club SEGA-Filialen mit einer ganzen Palette an coolen und vor allem spielbaren Arcade-Games. Schon die ersten gelaufenen Meter mit dem neuen Hauptprotagonisten Takayuki fühlen sich heimisch und schön an, während auch die ersten Straßenkämpfe nicht lange auf sich warten lassen.

Geprügelt wird auch in Judgment

Ja, ihr lest richtig. Takayuki ist zwar kein waschechtes Yakuza-Mitglied, die Fäuste und Füße kann er aber trotzdem schwingen. Gelernt hat er dies bei seinem Ziehvater, welcher ein hohes Tier der Yakuza ist. Im Vergleich zu Kazuma ist Takayuki vor allem zu Anfang des Spiels deutlich schwächer und langsamer. Im weiteren Spielgeschehen und nach den ersten bestrittenen Missionen könnt ihr euch jedoch in verschiedenen Skills aufleveln. Während der Kämpfe könnt ihr außerdem wie bereits in Yakuza 6 den Kampfstil wechseln, mit Gegenständen interagieren um eurem Gegner ein Fahrrad oder Verkehrskegel über die Rübe zu zimmern oder Spezialangriffe ausführen. Je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad ist dies automatisch oder anspruchsvoller durch Angriffsketten möglich.

Integrierte Detektivarbeit

Der Schwerpunkt liegt jedoch nicht nur beim Kämpfen. Ein Punkt in dem sich Judgment auf jeden Fall von Yakuza unterscheidet, ist die Detektivarbeit Takayukis. Um in der düsteren Story vorzuschreiten, ist es notwendig vorab immer wieder Tatorte zu untersuchen, Personen zu beschatten und zu befragen, bevor es oftmals zu einer finalen Prügelei kommt. Hierfür stehen euch eine steuerbare Drohne und Verkleidungen zur Verfügung, wenn ihr unentdeckt bleiben sollt. Das Beschatten vereinzelter Personen funktioniert so, dass ihr ihnen langsam folgt und im Falle, dass sich jemand umdreht oder euch bemerkt, schnell hinter einem Gegenstand versteckt oder beschäftigt auf dem Handy herumtippt. Das Handy fungiert zudem als Spielmenü mit integrierter Kamera und Karte.

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Ausbaufähige Gameplay-Elemente

Befragungen und Gespräche von/mit Personen laufen per Multiple-Choice-Verfahren ab, auch wenn sich dies letztlich nicht so passend im Spiel integriert, wie es vorab sicherlich gewünscht war. Die Konsequenzen wirken sich kaum bis gar nicht auf das Spielgeschehen aus und erscheinen auf diese Weise sehr überflüssig. In Judgment erwartet euch außerdem kein erste Sahne Detektiv-Gameplay, sondern vielmehr kleinere Gimmicks die dem Gameplay hinzugefügt wurden, um nicht zu 100% wie ein ursprüngliches Yakuza zu wirken.

Ohne Essen kommt Takayuki nicht weit

Die Nahrungsaufnahme steht in Judgment an der Tagesordnung und entpuppt sich als sehr wichtiger Bestandteil des Spiels. Takayuki ist oftmals knapp bei Kasse und kann sich nicht immer die hochwertigsten Heilmittel leisten, auch wenn diese bei tödlichen Verletzungen zwingend notwendig sind. Ein paar Sushi-Rollen, Nudeln oder Sandwiches solltet ihr immer im Gepäck haben oder nach einer Mission direkt in einem Restaurant zu euch nehmen. Wie gewohnt sind schon die zugehörigen Bilder des Essens oder einer Pulle Jack Daniels so ansehnlich, dass man nach dem Spielen am liebsten den nächstgelegenen Asiaten aufsuchen möchte. Wer aktuell auf Diät ist, sollte das Spiel vielleicht erst dann einlegen, wenn die ersten Kilos gefallen sind – ansonsten ist der Rückfall vorprogrammiert. Außerdem genießt ihr einige Vorteile durch geschlossene Freundschaften und das Erfüllen von Freundschafts-Aktivitäten.

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Yakuza 6 wirkte zeitgemäßer

In Bezug auf die freie Welt und das flüssige Gameplay von Yakuza 6 ist Judgment leider in ein veraltetes Muster zurückgefallen. Das Verlassen von Geschäften ist nicht mehr so wunderbar flüssig, da man jeden Pups noch einmal bestätigen muss. Außerdem ist spontan angreifenden Banden auszuweichen meistens unmöglich und die Ladezeiten auf der normalen PS4 oftmals ein Stückchen zu lang. All diese Punkte wundern mich sehr, da sich die letzte Reise mit Kazuma bereits sehr viel moderner anfühlte. Positiv zu erwähnen sei allerdings, dass Judgment mit englischer oder japanischer Sprachausgabe und deutschen Untertiteln gespielt werden kann – diese gab es bisher immer nur auf Englisch. Im gleichen Zuge muss ich nun aber noch einen kleinen Dämpfer bringen. Während die Zwischensequenzen komplett vertont sind, kommen einige Dialoge nur mit Texten und kurzen Einwürfen in Form eines „oooh“ oder „aaah“ daher. Warum es seitens weiterhin so gehandhabt wurde, erschließt sich mir leider nicht.

Das Technische

Grafisch befindet sich Judgment nicht immer auf dem absolut höchsten Niveau, wirkt mit seiner Detailgetreue und den authentischen Geschäften, Bars und Co. aber trotzdem beeindruckend. So viele Screenshots habe ich schon länger nicht mehr in einem Spiel erstellt und die kleine Auswahl für diesen Test fiel mir alles andere, als leicht. Vor allem im Dunkeln wirkt Kamurocho mit seinen vielen Lichtreklamen wunderschön und spannend. Technisch hatte ich auf meiner PS4 mit wenigen, aber vorhandenen Rucklern zu kämpfen. Ob die PS4 Pro ebenfalls mit Problemen zu kämpfen hat, kann ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Dem Spielspaß hat es in meinem Fall jedoch nicht geschadet – lieber ein paar Ruckler, als komplette Freezes oder?

Fazit

Mir war bereits nach wenigen Spielstunden bewusst, dass Judgment mit seiner Geschichte und dem vertrauten Gameplay sowie wunderschönen Kamurocho begeistern wird. Objektiv betrachtet hätten die Detektivaufgaben und zugehörigen Gameplay-Elemente ausgeprägter und intensiver sein müssen um sich noch eine Spur weiter von Yakuza entfernen zu können. Mir persönlich hat die Mischung unheimlich gut gefallen, da ich nicht der allergrößte Fan vom langsamen Absuchen von Tatorten und dem Befragen verwickelter Personen bin. Mir reicht es vollkommen aus, auf einfache Art und Weise ein paar Fragen zu stellen und Objekte zu analysieren um den Bösewichten im Anschluss mit meinen Fäusten die Meinung zu geigen. Auch die technischen Abstriche sowie Rückschritte zu Yakuza 6 sind zu verschmerzen. Vielmehr die DLC-Politik missfällt mir sehr. Spieler werden nahezu gezwungen DLC-Inhalte in Form von Spielpässen für Dice & Cube im VR Paradise, Dekorationen fürs Büro und Handyfilter sowie neue Drohnenrahmen zu erwerben. Ich hoffe sehr, dass sich dies im Laufe der nächsten Zeit noch etwas verändert und zumindest die Spielpässe für Dice & Cube frei und kostenlos verfügbar sein werden. Vor allem durch diese Inhalte leben das Spiel und die Atmosphäre, ein Minispiel sollte daher niemals hinter einer Paywall versteckt werden. Und dennoch: Fans von Yakuza können ohne Nachzudenken zugreifen und werden mit einem tollen Spin-Off der Reihe belohnt, das einige Stunden zu unterhalten weiß und eine spannende, düstere Story erzählt. Ich hoffe sehr, dass ein zweiter Teil folgt!

Judgment

8.2

Wertung

8.2/10
  Review
1 Comment
  • Dragonir 3 Monaten ago

    Habe es mir gerade bestellt. Bin auch ein großer Yakuza Fan und war extrem traurig, als ich den Abspann von Yakuza 6 hinter mir hatte.

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