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7. Dezember 2018

My little riding Champion

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Liebes Tagebuch,

ich bin’s wieder, deine pferdeverrückte Luisa! Es geht auf in ein neues Abenteuer! Mein Onkel oder Opa oder so – ich bin mir gar nicht mehr so sicher – ist gestorben… und hat mir sein Haus samt Stall und Pferd vermacht! Yay! Ich hab also direkt die Schule geschmissen wie ein Pokémon-Trainer und bin hingezogen. Das Haus steht mitten im Grünen in einer richtig ehrlichen Gegend. Woher ich das weiß? Die Haustür steht immer offen und kann nicht geschlossen werden. Vielleicht wohnt hier in der Gegend ja mein Prinz Charming und kommt eines Nachts vorbei, um mich für Dornröschen zu halten und mich wachzuküssen – hihi (Dann sollte ich mir aber dringend Pfefferminz neben das Bett legen)!

Blöderweise braucht man selbst hier Geld zum Leben, also ist es nicht total das Paradies – aber immerhin kann man es mit meiner absoluten Lieblingsbeschäftigung auf der ganzen Welt verdienen: Reiten! Und bis ich Prinz Charming kennengelernt habe, mache ich das auf meinem Pferd. Onkel (oder Opa) hatte einen schönen weißen Gaul, auf den er aber nicht gut aufgepasst hat, denn als ich hier ankam war er entlaufen. Ich also erstmal voll so in den Wald gelaufen wie die Silikonblondinen aus Horrorfilmen, die immer als erstes abgemurkst werden. Das Pferd hat zum Glück super sichtbare Spuren im Boden hinterlassen und für den Fall, dass ich diese nicht von den restlichen Texturen unterscheiden könnte, hab ich auch noch rot leuchtende Checkpoints im Fünf-Meter-Abstand oben drauf bekommen. Am Ende stand er dann in voller Pracht: mein strammer Hengst, der mich völlig regungslos aufsatteln ließ als würden wir uns schon seit Jahren kennen!

Gemütlich trabten wir also zurück zu meinen Stallungen (hört sich voll adlig an, oder? Ich sollte mich mal pieksen und checken, ob ich schon blaues Blut habe) wo dieser Kerl wartete, der während der Übergangsphase auf den Hof aufgepasst hat – offenbar aber nicht genug, damit das einzige Pferd nicht entläuft. Wundert mich allerdings wenig, weil der Typ nicht nur aussieht wie aus einem dieser Simulator-Spiele, sondern sich auch genauso bewegt – nämlich fast gar nicht. Überhaupt stehen alle der drei Bewohner der Gegend nur wie angewurzelt in der Gegend rum – ich habe schon überlegt, den Krankenwagensimulator anzurufen. Eigentlich sind die aber alle richtig witzig, weil sie immer irgendwas erzählen von Tastendrücken und Steuersticks und Ausdauerleisten und so. Voll meta! Aber auch ein bisschen, wie die Checkpoints, für Doofe gemacht – als wenn ich nicht kapieren würde, wohin ich muss, wenn der Kerl mich „zum Stall“ anstatt „zur roten Markierung“ schicken würde.

Damit alleine macht man aber natürlich kein Geld! Ich muss mit meinem neuen Gaul, den ich aus einem spontanen Geistesblitz heraus „Lasagne von LIDL“ getauft hab – kurz „Sagne“ – an Turnieren teilnehmen! Yay! Die Hallen dafür sind immer ein bisschen gruselig, weil total applaudiert oder gebuht wird, obwohl ich und Sagne die Einzigen im ganzen Gebäude sind, aber das passt schon. Im Turnier muss ich immer mit ihm über solche bunten Stangen springen, die aussehen wie Zuckerstangen und vielleicht auch welche sind (Notiz an mich selbst: Nächstes Mal dran lecken). Der kurze Parcours besteht aus mehreren Hindernissen und Toren, die der Reihe nach passiert werden müssen und wehe mir, wenn mein Pferd beim Springen eine der Zuckerstangen berührt – dann krieg ich 5 Strafsekunden pro Stange und muss wieder von vorne anfangen! So ein Turnier dauert zwar nur eine halbe Minute und ich frage mich immer, wieso die Publikumsgeister dafür den Weg auf sich genommen haben, aber das ist auch schon die größte Bestrafung an der ganzen Sache. Insgesamt gibt es 9 Turniere in 3 Kategorien und mit jedem gewonnenen komme ich näher an die Titelverteidigerin Cornelia heran, die voll die blöde Kuh ist – richtig so Draco Malfoy-Style, von wegen „Ich bin die Beste“ und „Meine Eltern sind reich.“ und „Du hast nicht die geringste Chance!“. Immerhin spricht sie aber genauso emotions- und tonlos wie ich, also ist eine gewisse Verbindung vorhanden. Und das hier ist eine Pferdegeschichte – also sind wir am Ende bestimmt absolut totale BFFs! Yay!

Wenn ich jedenfalls gerade nicht an einem Turnier teilnehme, dann reite ich ewig lange in die Stadt und kaufe mir einen neuen Trainings-Parcours von dem Typen, der so lausig auf mein Anwesen aufgepasst hat. Wenn ich den dann zwei Mal bestreite, steigt mein Pferd im Level auf (bin schon voll gespannt wozu es sich entwickelt) und ich kann am nächsten Turnier teilnehmen. Außerdem kann ich in der Stadt auch voll die schicken bunten Sattel für Sagne kaufen oder neue Frisuren und Klamotten für mich. Wenn ich mal wieder im Kaufrausch bin und mir das Geld dabei ausgeht, kann ich auch Touristen in der Kutsche herumfahren zu den diversen Sehenswürdigkeiten (der Ortseingang oder der Brunnen davor z.B.). Die Touris sind aber schon komische Vögel. Es sind immer dieselben vier und sie sind angezogen wie Hollywood-High-Society und zeigen sich mit ihren verkrüppelten Händen (alle scheinen denselben Gendefekt zu haben) etwas Tolles in der Gegend, obwohl da gerade überhaupt nichts Tolles ist – wir waren schließlich noch nicht beim Brunnen angekommen! Und ihre Beine sind auch immer ineinander gemorpht – wahrscheinlich sind sie gar keine Touristen, sondern die Geister aus der Turnierhalle und suchen die Nähe zum aufsteigenden Zuckerstangenreit-Champion (mir! Yay!).

Ich mag die Gegend aber schon voll gerne, weil ich mich hier wirklich wie eine Disney-Prinzessin fühle – egal, wo ich hinkomme, fängt es an zu blühen! Wenn ich über die endlosen Wiesen galoppiere kann ich fasziniert beobachten, wie das Gras in einem Umkreis von 50 Metern um mich herum wächst! Und es ist sogar genauso zweidimensional wie in einem Disney-Film! Und weil es alles so flaches Wiesenland ist, gibt es auch keine richtigen Berge oder so – wahrscheinlich ist die Gegend deswegen mit diesen berühmten unsichtbaren Mauern umgeben, von denen die Kinder aus den 90ern immer erzählen. Voll witzig, wenn du im vollen Galopp gegen eine davon reitest und einfach nichts passiert (voll geistesgegenwärtig, dass sie die Wände aus unsichtbarer Zuckerwatte gemacht haben – wegen der Weichigkeit und damit es zu den Zuckerstangen passt). Auch finde ich es voll gut, dass ich jetzt endlich sehe, wie so ein Pferd wirklich aussieht und sich bewegt – vor kurzem habe ich noch Red Dead Redemption 2 gezockt und die haben überhaupt nicht gut recherchiert für ihre Animationen! Echte Pferde, wie Sagne, bewegen sich gar nicht so elegant. Sie schütteln auch ihren Kopf nicht oder brechen zusammen, wenn sie irgendwo gegenprallen. Und wenn man ihre Hufen säubert bewegen echte Pferde ihre Beine auch nicht wie Lebewesen, sondern wie schwerfällige Bahnschranken.

Ich bin das glücklichste Mädchen aller Zeiten!

Bis zum nächsten Mal,

deine Luisa.

Fazit

Liebe Leser,

ich bin’s wieder, euer verrückter LorD, der aus unerfindlichen Gründen dieses Jahr schon sein zweites Pferdespiel gespielt hat. My Little Riding Champion bereitet mir schon beim Titel Probleme: Er ist viel zu lang und unhandlich, spielt offenbar ein wenig an My Little Pony an, hat damit aber nicht das Geringste zu tun. Und weder Luisa noch ihr Pferd sind little… Das Spiel an sich unterscheidet sich nicht übermäßig von Ostwind – dem einzig anderen Reit- und Pferdespiel, mit dem ich Vergleiche ziehen kann. Uns liegt eine recht große offene Welt vor, die allerdings ebenso tot ist mit kaum einer Handvoll Charaktere darin, die grafisch alle unterste Schublade sind. Auch die Spielerklärungen, die sie liefern, sind grauenvoll – selbst ein videospiel-unerfahrenes kleines Kind sollte dem X auf der Karte problemlos folgen können, wenn man ihm sagt, es solle zum Stall gehen – man muss nicht mit der Stimme der Charaktere in der Spielwelt groß und breit erzählen, welche Taste man drücken muss und das man am Ende in der rot leuchtenden Markierung stehen soll. Es ist als würden die NPC-Abnormitäten selber gar nicht erst versuchen einen richtigen Menschen zu imitieren. Die Steuerung ist simpel und in Ordnung, wenn das lenken auf dem Pferd auch eher für Grobmotoriker gemacht wurde als für Spieler mit Feingefühl. Dass man die Kamera auf dem Pferd nicht drehen kann nervt buchstäblich tierisch, regelmäßig in der Luft oder auf dem Boden festhängende flatternde Vögel stimmen mich dann aber auch wieder amüsiert milde. Die Turniere sind kein großes Problem, wenn man einen gewissen Rhythmus beim Springen heraus hat, die restlichen Aufgaben in der Spielwelt hingegen sind fürchterlich. Entweder muss man mit der groben Steuerung sehr feine Checkpoints treffen, um eine Bestzeit zu knacken oder man muss Touristen mit der lästigen, langsamen Kutsche herumfahren oder man muss mit selber Kutsche Holz zu einer Hütte am See befördern, was aufgrund der Höchstgeschwindigkeit und der Größe der Spielwelt annähernd 10 Minuten dauert – in denen absolut nichts passiert, außer dass das in Quadratmetern geklonte Gras unmittelbar vor einem nachlädt und sich wie eine Woge der Übelkeit über die Spielwelt ausbreitet. Ostwind war auch nicht für irgendjemanden gemacht, der Ahnung von Videospielen hat, aber immerhin hat man sich damit offenkundig Mühe gegeben, die Umgebungen idyllisch und abwechslungsreich gestaltet, die ebenfalls kurze Geschichte einigermaßen gut geschrieben. My Little Riding Champion hingegen wirkt durchweg wie eines dieser 0,99€-Steam-Titel, die von irgendwelchen Amateur-Entwicklern an einem Wochenende zusammengezimmert wurden und nicht nur eine Zeitverschwendung, sondern auch eine herbe Beleidigung für die Augen sind. Die Zielgruppe des Spiels wird mich wahrscheinlich dafür lynchen, aber dieses Pferd darf gerne zu LIDL ins Kühlregal.

My little riding Champion

4.2

Fazit

4.2/10
Thomas Knockout Magazin

Liebt Superschurken und hat selbst die Superkraft auch die schlechtesten Videospiele ausgiebig zu testen.

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