Ok, ich gebe ja zu, dass manche Schauspieler einem Film für mich schon im Vorfeld ein gewisses Stigma aufdrücken, aber mal ehrlich; ihr würdet hinter einem Werk mit Adam Sandler in der Hauptrolle auch kein meisterhaftes Drama erwarten, oder?! Ähnlich geht’s mir mit Tom Hiddleston. Nicht falsch verstehen, ich setze den Mann keinesfalls mit einer Obergurke wie Sandler gleich, aber im Hinterkopf hat sich nun mal festgesetzt, dass mich hier eher leichte bis mittelschwere Kost erwarten dürfte, mit einer britisch charmanten Hauptfigur, die dann im 3. Akt eine dunkle Seite offenbart. Nun ist High Rise aber alles andere, als einfach zu verdauen und da ich, vom Trailer mal abgesehen, relativ unbeleckt an die Sache bin, brauchte es erstmal gut 20 Minuten, um das Ganze überhaupt irgendwie zuordnen zu können.

Alles beginnt noch recht gediegen mit dem jungen Psychologen Dr. Robert Laing (Hiddleston), der in den swingin‘ 70’s seinen neuen Job im Dienste des Architekturgurus Anthony Royal (Jeremy Irons) und dessen neustem Megabauwerk, dem titelgebendem Hochhaus High Rise, antritt. Dieses versteht sein Schöpfer natürlich nicht bloß als schlichten Wohnraum, sondern als einen von der Außenwelt abgeschnittenem, von biederen Gesetzen und Wertevorstellungen losgelösten Komplex, in dem sich eine von ihm ausgewählte Elite, in ihrer Wichtigkeit von unten nach oben geschichtet, zu neuen Höhen erheben soll.

Was darauf folgt, ist gleichermaßen absehbar, wie drastisch. Kaum wird die so hochgeborene Gesellschaft ihrer weltlichen Zügel entledigt, beginnt ein dogenberauschter Absturz in Sex, Gewalt und die Untiefen des menschlichen Seins. Beizeiten fühlte ich mich, als würde eine krude Mischung aus Die wilden 70er und Trainspotting ablaufen. Dabei nimmt einen die Art der der Erzählung nicht unbedingt an die Hand. So findet der größte Umbruch im Film beinah begründungslos in einem kaum dreissigsekündigen Schnittgewitter aus verschwommenen Rauschbildern statt. Danach darf man sich erstmal selbst im neu gewonnen Chaos zurechtfinden, in dem fortan alles durch Ruinen und allerlei Körperflüssigkeiten zum nihilistischen Ende taumelt.

Es fällt schwer in dem ganzen Durcheinander überhaupt noch auf technische oder darstellerische Glücks- und Fehlgriffe zu achten, deswegen möchte ich davon auch gar nichts groß hervorheben oder tadeln. In allen Bereichen gibt es kleinere Ausfälle, was den Gesamteindruck jedoch nicht trübt. Lediglich bei Kulisse und Nebendarstellern drängt sich der Gedanke auf, hier eben keinen Unsummen verschlingenden Blockbuster vor sich zu haben, andererseits gehört sowas ja auch irgendwie zum rauen Stil des englischen Kinos.

Fazit

Wie ich das Ganze nun finden soll, ist mir selbst nicht ganz klar. „High Rise“ ist auf jeden Fall verdammt anstrengend und schlittert oft in geschmackliche Grauzonen und ich vermute mal, das auch mit Absicht. Man entwickelt hier einen Mitreissenden Sog, der eine fast schon befreiende Wirkung erzielt, wenn man ihn denn endlich überstanden hat und hinaus aus dem Dunkel in die friedliche Abendsonne gehen kann. Ein Gleichnis von Dekadenz und Verfall, so man bereit sein sollte, sich darauf einzulassen… ach, und Tom Hiddleston ist doch wieder ein charmanter Brite.

High Rise startet am 30.06.2016 im Kino.

(Vielen Dank an Nicky Ramone für diese Filmkritik)

 

 

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The Witch

19. April 2016 0
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