„Die schlimmsten 20 Stunden meines Lebens!“ schreibt ein Onlinemagazin über das Spiel Days Gone als plakativer Headliner. Auf Facebook wird herumgetuschelt und sich untereinander ausgetauscht, ob man Days Gone nun kaufen, oder lieber abwarten soll, denn man habe ja nichts Gutes gehört und von der Presse wird das Spiel zerrissen. An solchen Tagen schmunzele ich über das Internet vor mich hin, lese keine Meinungen, interessiere mich für keine Wertungen, sondern lasse mich zu Hause gemütlich auf dem Sofa nieder, dimme das Licht, mache das Smartphone aus und bilde mir meine ganz eigene Meinung. Da es doch ein paar Leute gibt, die sich für Knockouts Meinung zu Days Gone interessieren, bekommt Ihr hier meinen unabhängigen Eindruck zum Zombie-Action-Adventure. Auf geht’s…

Zugegeben: Die Zombiethematik mag für manch einen total übersättigt und ausgelutscht sein und auch die Hochzeiten von Walking Dead und Co sind vorbei, dennoch funktionieren die zerfetzen und untoten Wesen mit ihrem unstillbaren Hunger auf frisches Fleisch immer wieder und können je nachdem wie eine Story präsentiert wird auch heute noch begeistern.

Die längst vergangenen Tage

Vor zwei Jahren fand eine globale Pandemie statt und verwandelte viele Menschen in zombieartige Freaker-Horden. Jeder, der es schafft, verlässt die Seuche. Die Geschichte wird uns als Spieler direkt und ungeschönt ins Gesicht gedrückt- so muss das sein. Der Outlaw Deacon St. John und sein bester Freund Boozer haben es leider nicht mehr geschafft, in den überbesetzten Helikopter zu kommen. Nun müssen wir in der Rolle als Deacon versuchen, einen Weg aus der Hölle zu finden. Und wer oder was ist eigentlich Schuld an dem Ausbruch? Was führt die Nero-Organisation im Schilde?

In der Open-World, dessen Landkarte sich nach weiterem Spielverlauf vergrößert, warten neben menschlichen Fraktionen auch viele Feinde auf uns. Die Lager der Überlebenden haben alle ihren eigenen Anführer und Regeln. Sie helfen uns, unsere Vorräte aufzustocken, Waffen und Munition, sowie Motorradteile und Tuning zu verkaufen- nicht ganz ohne Gefallen und Gegenleistung versteht sich. Mach Euch hier, neben der Hauptstory, auf viele Nebenmissionen und Dienste gefasst.

Die Story an sich vermittelte in mir nicht die Emotionalität, die es verdient hätte. Oftmals ließen mich die persönlichen Schicksalsschläge der Protagonisten des Spiels kalt. Ich denke zu Schulden kommt dies durch überlange Cutscenes die sich auch gerne mal wiederholen, damit sich der Spieler die Geschichte einprägt. Mag bei manchen funktionieren, bei mir triggert es nur den Skip-Button. Versteht mich nicht falsch: Die Thematik an sich, ein postapokalyptisches Sons of Anarchy meets Walking Dead meets Dying Light meets The Last of Us ist nicht der uninteressanteste Mix. Days Gone weiß nur nicht, wann es aufhören muss.

Böser Bube im schönen Oregon

Die Authentizität von Days Gone hingegen vermittelte mir als Spieler eine angenehme Spielerfahrung. Wir haben das vor allem dem wundervollen Setting zu verdanken. Der nachgebaute US-Bundesstaat Oregon eignet sich wunderbar um eine abstruse Schönheit darzustellen. Auf der einen Seite haben wir wundervolle Landschaften und weite Highways und auf der anderen Seite wurde die Bedrohung der Pandemie sehr schön in Szene gesetzt. Gewaltige Berge, grüne Tannen, malerische Seelandschaften und nicht zu vergessen: verbrannte Autos, zerstörte Häuser und sonstige postapokalyptische Verunstaltungen. Herrlich. Zwinkersmiley.

Deacon hingegen konnte ich nicht allzu ernst nehmen, das fing bei wildem Herumgeschreie bei seinen Dialogen, wo die Tonabmischung etwas Feintuning nicht schlecht getan hätte und hörte bei dem Onepercenter-Patch auf seiner Gang-Kutte auf. Für die, die es nicht wissen: Als Mitglied in einem Chapter (Biker-Gang) verdient man sich seine Patches, Top- und Bottomrocker, sowie seine Tattoos. Deacon ist ein fragwürdiger Outlaw, der unter eigenen Angaben noch nie im Gefängnis war, trotzdem krumme Dinger drehte und einer Schlägerei nicht aus dem Weg geht. Schade, Deacon St. John, ich hätte dir gerne deine Geschichte abgenommen, denn diese wird in der ersten Spielhälfte gut erzählt, aber in der Zweiten fallen gelassen, da sie plötzlich den Fokus auf andere Charaktere legt.

Auf die Zwölf

Das Kampfsystem ist an und für sich gut gelungen und auch die Waffenauswahl ist passend. Wir besitzen einige Schusseisen, Gewehre, Nahkampfwaffen und einen Bogen. Das Besondere an Days Gone ist, dass die Waffen eine begrenzte Haltbarkeitsstufe haben. Einzig und allein ist unser Messer die Waffe, die nicht zerstört werden kann, dennoch eher für den Notfall oder heimliche Kills geeignet ist. Hier kommt das Crafting ins Spiel, denn dieses basiert auf gefundenen Objekten, die mit anderen gefundenen Objekten kombiniert oder repariert werden können. Es gibt uns eine unheimliche Genugtuung, wenn wir unseren nagelgespickten Baseballschläger in den Schädel eines Infizierten schlagen bis er platzt, aber das große Wehwehchen kommt zugleich.

Babysitte dein Bike

Manchmal verstehe ich den Fakt nicht, dass man die Schnellreise nicht benutzen kann, wenn wir keinen Treibstoff haben und dann gibt es wiederum Story-Missionen die uns unbegrenzten Zugang zu Treibstoff gewähren. Hier dachte sich der Entwickler sicherlich, dass man es wohl nicht besonders toll findet, wenn man den Erzählfluss stoppen müsste um an Benzin für sein motorisiertes Pferd zu kommen. Leicht widersprüchlich.

Unser Motorrad kann beschädigt werden, wenn wir durch das letzte Unterholz brettern, unsanfte Sprünge ausüben, oder von Gegnern beschossen oder gerammt werden. Hier vermutet man dann, dass uns unser Bike bald unter dem Arsch wegexplodiert, wenn wir nicht gleich anhalten und es reparieren. Nein, es geht einfach nur aus und bewegt sich nicht mehr- so auch, wenn uns der Tank leer geht. Also schwing deine Hufe und such‘ dir Treibstoff und Materialien- das heißt, wir werden leider viel zu oft dazu genötigt irgendwo unterwegs anzuhalten und unser Bike zu pampern. Schnellreise ist an verschiedenen entdeckten Orten möglich, kostet aber, wer hätte es gedacht, Treibstoff.

Nachtigall, ick hör dir trapsen

Dank der Pandemie warten viele Gefahren auf uns. Days Gone bietet uns verschiedene Gegnertypen, die allesamt unterschiedliche Angriffstechniken besitzen. Denkt daran, wenn Ihr auf infizierte Menschen, die Freaker, trefft, dass Ihr immer einen Blick auf eure Ressourcen sowie Munition werfen solltet. Es bleibt Eure Entscheidung, ob Ihr Euch taktisch klug im Stil von Metal Gear Solid an ein Feindgebiet wagt, oder ob Ihr doch ein paar Mollys zückt und draufballert was das Zeug hält. Wie eben schon gesagt, es gibt neben kleinen Newts (jugendliche Infizierte), auch eine teilweise infizierte Tierwelt, wie zum Beispiel Bären oder Wölfe, aber die größere Gefahr geht von anderen aus, die ich Euch gerne vorstelle.

Die okkulten Ripper des RIP Ordens habe ich als Lieblingsziel ausgewählt. Es macht Spaß, die Welt von diesen durchgeknallten Typen zu befreien, die Freakers wie eine höhere Macht verehrt. Mein absoluter Hass gilt den Horden, die aus mehreren Hundert Freakern bestehen. Solltet Ihr in eine Horde geraten: Lauft! Ihr werdet kaum eine Chance haben, diese komplett auszulöschen. Sicherlich machbar, aber verdammt schwer und mit einer Trillion Schimpftiraden gespickt. Kleinere Gruppen nennen sich Schwärmer und diese sind meist mittels Schleichangriff und Ablenkungsmanöver einfach zu erledigen. In der infizierten Welt im fiktiven Oregon werdet Ihr noch auf Kreischer, Krabbler und Brecher treffen, aber bevor ich alles verrate, solltet Ihr Euch lieber selbst auf ein privates Treffen freuen. Übrigens wäre es nicht schlecht, wenn Ihr zwischendurch ein paar Nester von diesen Biestern zerstört- das bewirkt nicht nur, dass die Infizierung ein Stück zurückgeht, sondern auch, dass ihr ein paar Abschnitte in Ruhe die Landschaft durchqueren könnt.

Fazit

Fans des Genres werden Ihre Freude an Days Gone haben und auch ich hatte, trotz viel zu bekannten Mechaniken meinen Spaß. Days Gone überrascht nicht, dennoch fühlt man sich zu Hause und verbringt rund 20-25 unterhaltende Stunden im Spiel. Es wird sich sicherlich nicht so in unseren Köpfen festigen wie andere grandiosen Sony Exklusivtitel wie Spider-Man, Horizon Zero Dawn, oder das grandiose The Last of Us, wessen geschichtlichen Tiefgang immer noch die Latte ganz weit oben hält. Dafür ist der Zeitpunkt wahrscheinlich zu spät- hätte man das Spiel ein paar Jahre früher herausgebracht, wäre es sicherlich eingeschlagen wie eine Bombe, heutzutage ist es fernab davon etwas Besonderes zu sein. Die mechanischen Teile von Days Gone stimmen häufig nicht mit dem restlichen reißenden Sehnen überein, somit steht sich das Spiel des Öfteren selbst im Weg. Über Audioprobleme, wie Dialogausfälle kann ich noch hinwegsehen, über folgenden Punkt nicht: Unser Motorrad ist die Hauptquelle meines spielerischen Frusts, die Fahrphysik war anfangs grauenvoll und ich musste mich dran gewöhnen und das ständige Jammern über Benzin nervte extrem. Es gibt viele kleine Momente in Days Gone, die etwas wirklich Gutes in einer Sekunde zerstören und damit meine ich nicht die allseits bekannten Gameplay-Elemente, sondern eher der spielerische Flow, der uns in manchen Abschnitten genommen wird. Days Gone wollte sicherlich viel, aber erreichte es nicht so wie andere Titel des Genres. Das Setting an sich und auch die Zombies bzw. die Infizierten sind sehr cool in Szene gesetzt. Die Landschaft sieht sagenhaft aus und auch die harte Brutalität macht stilistisch einiges richtig. Warum die schlechten Wertungen im Internet? Das altbekannte Problem der Erwartungshaltung, welche sicherlich in Sachen Promotion auf ein hohes Level gehoben werden kann! Trotz meiner Kritik: Days Gone ist ein Titel, den man mal mitnehmen und seinen Spaß damit haben kann und sicherlich keine totale Zeitverschwendung, aber dennoch nach einiger Zeit auch wieder vergisst. Kurz gesagt: Steig auf dein Bike, genieße ein wundervolles Setting, hab keine Scheu Ressourcen zu sammeln, hau ein paar Zombies zu Brei. Wir sind aber auch nicht böse, wenn du es nicht tust.

Wertung

8.4

Wertung

8.4/10
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