Der Winter naht… auch in Midgard.

Im knackig kalten Winter sitzt man gemütlich im eigenen Langhaus vor dem knisternden Kaminfeuer, in Bärenfell gehüllt und mit heißem Met im Trinkhorn. Pure Wikinger-Romantik. Aber was wäre das Leben als ergrauter Berserker-Rentner, wenn nicht immer was dazwischenkommen würde? Das muss auch Kveldulver schmerzhaft feststellen, als sein Bruder ihm die Bude unter dem Wikingerhintern anzündet und ihn allzu gerne frühzeitig nach Valhalla schicken möchte. Knut (wohl alt-nordisch für „Kevin“) und seine Bande sollten sich also auf eine ordentliche Abreibung einstellen und ihr euch auf eine sehr atmosphärische Reise durch den hohen Norden.

Willkommen bei Fimbul von Zaxis und Wild River Games, das wir uns auf der Playstation 4 genauer angesehen haben.

Es wird kalt

Der Fimbulwinter naht. Laut nordischer Mythologie ist dies die Vorzeit der Götterdämmerung, oder Ragnarök. Drei eisige Winter, die sich ohne Sommer aneinanderreihen und in denen sich Bruder gegen Bruder wendet und im Allgemeinen die Menschheit ziemlich den Bach herunter geht. So erzählen es auch die Nornen, die allsehenden Schicksalsweber, im Intro zu Fimbul, das von Anfang an mit genialen Comic-Zwischensequenzen aufwarten kann, die in einem sehr kantigen Stil die eisige Stimmung der Geschichte perfekt einfangen und mit sehr stimmigen Sprechern den Charakteren Leben einhauchen.

Kveldulver, Protagonist der Geschichte, erhält überraschend Besuch von seinem Bruder Knut. Dieser ist wohl eifersüchtig, weil er eindeutig nicht den cooleren Namen bekommen hat, und lies dies am Vater der Brüder aus. Und nun trachtet er auch noch seinem Bruder nach dem Leben. Ob er damit Erfolg hat, soll sich noch zeigen… Spoiler: So ganz klappt das leider nicht. Kveldulver segnet dank einer Kollision seines Kopfes mit einer Axt das Zeitliche und findet sich zu seinem Erstaunen nicht in Valhalla, sondern Jotunheim wieder, dem Reich der Frostriesen. Mit Hilfe einer mysteriösen Riesin, die ihn sehr gut zu kennen scheint und einem kleinen Schubser der Nornen in die richtige Richtung findet er sich aber bald vor seinem Haus wieder und mit einer Stinkwut im Bauch…

Wetzt die Axt und schleift das Schwert…

Spielerisch wird die Saga um Kveldulver als ein Hack’n Slay umgesetzt. Die Steuerung fällt sehr angenehm und intuitiv aus. Während der linke Analogstick den Charakter sehr flüssig und genau steuert, erwehrt man sich mit einer leichten und einer schweren Attacke seiner Haut. Ebenfalls kann Kveldulver eine Rolle in eine beliebige Richtung vollführen, um seinen Widersachern zu entweichen oder entweder seine Waffe oder im besten Fall ein Schild zum Blocken verwenden. Während dem Blocken wird ebenfalls das Abrollen zu einem schnellen Sprung in die entsprechende Richtung. Kveldulver ist in der Lage, eine Axt, ein Schwert und einen Speer mit sich zu führen, sowie einen Schild. Dazu ist Kveldulver in der Lage, mit besiegten Feinden eine Combo-Leiste aufzuladen, mit der er diverse Spezialmanöver ausführen oder sich sogar heilen kann.

Schnell wird klar, dass fairer Zweikampf nicht gerade die Stärke von Knut’s Handlangern und generell aller üblen Gesellen im hohen Norden ist. Daher ist geschicktes Ausweichen und Blocken das A und O im Kampfsystem von Fimbul. Ein zu defensiver Kampfstil führt allerdings dazu, dass Schild und Waffen Schaden nehmen und unbrauchbar werden. Glücklicherweise gilt dies auch für die Waffen und Schilde der Feinde, die Kveldulver ihnen auch gerne nach getaner Arbeit abnimmt und selbst nutzt.

Durch Wind und Wetter!

Grafisch präsentiert sich Fimbul in einem schlichten, aber keineswegs unansehnlichen Gewand. Die Darstellung von Umgebung und Charakteren setzt auf realistische Proportionen, die Wahl der Gewandungen mutet historisch sehr korrekt an und die Umgebung wirkt sehr rau und authentisch. Gerade wenn der Schnee durchs Bild weht und kahle Bäume sich im Wind wiegen, fröstelt es den Zocker auf der heimischen Couch ein klein wenig. Die Gewandungen der Charaktere muten historisch korrekt an, man sucht also Hörnerhelme und meterlange Rauschebärte vergeblich. Dafür gibt es Mäntel in Klanfarben, bunte Schilde aus Holz und Metall nur dort, wo es auch wirklich nötig ist, zum Beispiel auf dem Kopf und in der Hand. In Schlachten mit vielen Charakteren fällt aber gerade durch die sehr einheitliche Farbgebung der eigene Charakter nicht sonderlich auf und man muss vielleicht einen Blick mehr investieren, um sich zu orientieren. Dies kostet Kveldulver im Normalfall nicht das Leben, stört aber ein wenig.

Der Kontrast zwischen der eisigen Umgebung und Feuer oder magisch leuchtenden Runensteinen ist sehr gut gelungen; alles in Allem ist das Zusammenspiel der Farben in Fimbul sehr stimmungsvoll.

Die Musik hält sich mit atmosphärischen Klängen eher im Hintergrund und erweckt damit umso mehr das Gefühl einer kalten Winterwelt. Klanglich lassen das Klirren der Schwerter und Äxte und die Rufe der Charaktere den Berserker in uns aufleben!

Die Fäden des Schicksals

Fimbul ist von der Struktur seiner Levels zwar sehr linear gestaltet, jedoch stellt es den Spieler immer wieder vor die Möglichkeit, eine Wahl zu treffen. Gnade vor Recht ergehen zu lassen, ein Monster zu töten oder es mit der Geschichte des Kampfes entkommen zu lassen… ganz nach dem Willen des Spielers. Und auch nicht ohne Konsequenz, denn es gibt verschiedene Wege und damit Storyabschnitte, die es zu erkunden gilt. Über die Weltenesche Yggdrasil, in deren Wurzeln die Nornen leben, lassen sich sogar nicht erlebte Zweige des Schicksals erkunden.

Der Allvater sei mit Euch!

Eins ist vornweg klar: Als Hobby-Wikinger mit Trinkhörnern im Regal, der Axt überm Bett und einem Mjölnir um den Hals sollte Fimbul ein absoluter Pflichtkauf sein. Aber auch als Mensch, der sich der nordischen Mythologie nicht so nahe fühlt oder für den Plündern und Brandschatzen nicht ganz oben auf der Liste der Traumberufe steht, wird man hier von Wild River Games gut bedient. Eine wunderschön gestaltete und authentische Welt, die mit einer spannenden Geschichte, Lug und Trug, Geschnetzel und Blutverlust und einer guten Portion Tragik aufwarten kann. Das Gesamtpaket hinterlässt einen guten Eindruck, allerdings dürfte man als Triple-A-verwöhnter Zocker wohl einige Abstriche machen. Die Grafik ist effektiv und trotz ihrer schlichten Art sehr ansehnlich, trotzdem wäre gerade bei den Charakteren ein wenig mehr Detail und Variation ein großer Schritt in die richtige Richtung gewesen. Die Wahl von sphärischen Klängen als Untermalung rundet das Spiel zwar ab, aber ich persönlich vermisse hier etwas mehr Pathos. Nicht unbedingt die Berserker von Amon Amarth, aber Klänge wie von Danheim oder Heilung hätten hier auf jeden Fall ihren Platz gefunden.

Kurzum: Tolle Unterhaltung und ein solides Spiel für einen günstigen Preis. Raise your Horns!

Wertung

8

Wertung

8.0/10
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