20. April 2020

Disaster Report 4: Summer Memories

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Disaster Report begann 2002 als Reihe mit einem großartig trashigen Cover (in PAL-Regionen bekannt als SOS: The Final Escape). Der inzwischen vierte Teil sollte bereits 2011 für die PlayStation 3 erscheinen, wurde aber aufgrund des schweren Tohoku-Erdbebens in Japan gecancelt. Nach einem Entwicklerwechsel wurde Disaster Report 4 Plus: Summer Memories dann 2018 in Japan veröffentlicht, bevor wir auch weltweit zwei Jahre später in den Genuss des Katastrophenspiels kommen.

Inhalt

Der Protagonist findet sich während eines schweren Erdbebens in einer japanischen Großstadt wieder. Gebäude fallen in sich zusammen, Straßen reißen auf, die Wasser- sowie Stromversorgung bricht ab, Feuer brechen aus, Fahrzeuge crashen ineinander. Die von der lokalen Katastrophe betroffenen Menschen verfallen in Panik, Verzweiflung oder Trauer und der Spieler bekommt die Aufgabe so vielen von ihnen zu helfen wie möglich und gleichzeitig aus der Stadt zu entkommen.

Unterwegs kreuzen sich die Wege mit einer überforderten Highschool-Lehrerin und ein paar ihrer genervten Schülerinnen, einem tragisch entzweiten Liebespaar, einem skrupellosen Supermarktmitarbeiter, den Chefs zweier rivalisierender Unternehmen, einer Straßenmusikerin, einer mordenden Juweldiebin, einer Restaurantbesitzerin und zahlreichen weiteren Einwohnern, die auf ihre ganz eigene Art mit der Situation umzugehen versuchen und individuelle Hilfe benötigen.

Gameplay

Spielerisch erinnert Disaster Report 4 im Grunde genommen an ein modernes 3D-Point and Click-Adventure mit etwas mehr bewegungstechnischen Freiheiten. Die einzelnen Stadtabschnitte oder Level sind sehr übersichtlich und die meisten Interaktionsmöglichkeiten bieten die zahlreichen umherlaufenden oder -stehenden Menschen, die alle angesprochen oder zumindest mit einem Kommentar analysiert werden können. Meist hat das keinen fürs Spiel relevanten Vorteil und offenbart nur die Abgründe der japanischen Gesellschaft, beispielsweise wenn sich Geschäftsleute direkt neben einem eingestürzten Gebäude voller Leichen um das Verpassen eines Meetings sorgen. Wichtige Aufeinandertreffen werden nach einem kurzen Ladebildschirm mit einer Zwischensequenz eingeleitet, in der meist ein neuer Nebencharakter vorgestellt wird. Aus einer breiten Reihe von Antworten kann man dann nach Belieben mit ihm kommunizieren und sich bei Bedarf um sein Anliegen kümmern. Das variiert je nach Nebenfigur ein wenig und erfordert viel Fußarbeit – der Betreiber einer improvisierten Suppenküche benötigt Zutaten und eine Köchin für seine Suppe, die Highschool-Lehrerin sucht ihre vermissten Schülerinnen. In einem Romeo- und Julia-ähnlichen Liebesdisput zwischen zwei verfeindeten Nachbarschaften spielt man sowohl den Vermittler als auch einen Detektiv oder man muss sich behelfsmäßiges Werkzeug zusammensuchen, um den Weg fürs Vorankommen freizuräumen.

Neben dem sich freien Bewegen, dem optionalen Rennen und der Interaktion mit Menschen oder Gegenständen kann die Spielfigur lediglich kriechen und sich ducken. Letzteres ist vor allem relevant, da dem Erdbeben noch zahlreiche Nachbeben folgen und sich zu ducken die sicherste Methode ist, um ein solches zu überstehen. Befindet man sich nämlich gerade im Sprint, stürzt man garantiert und verliert ein Drittel seiner Lebensanzeige. Gegenstände, mit denen man interagieren kann, sind eher rar gesät. Neben den für Missionen benötigten Gegenständen, kann man noch Sammelsachen wie verschiedene Kompasse, Outfits oder Rucksäcke mit variierendem Volumen finden.

Ab und zu überrascht das Spiel einen zusätzlich mit Abschnitten, die ein neues Gameplay-Element erfordern – so muss man beispielsweise durch eine überschwemmte Plattenbausiedlung mit einem Gummiboot rudern und dabei auf spitze Baumäste achten oder später auch mit einem Motorroller fahren.

Fazit

Disaster Report 4 ist durchaus mal etwas anderes. Survival-Spiele in einem Katastrophen-Szenario kennen wir in erster Linie im Zusammenspiel mit Zombies oder mit einer anderen Form von (Post-)Apokalypse (I Am Alive, The Last of Us, This War of Mine). Hier tatsächlich mal mitten in eine der realistischen und immer wieder aktuellen Erdbebenkatastrophen ausgesetzt zu werden, ist schon interessant. Aber auch vom Szenario mal abgesehen, ist die Idee hinter dem Spielprinzip durchaus spannend, einer gefährlichen verwüsteten Stadt entkommen zu wollen und unterwegs aber einer ganzen Reihe von Menschen in den überfüllten Straßen auszuhelfen. Die Durchführung und Umsetzung dieser Idee ist aber leider weit weniger gelungen. Trotz der großartigen Anspielung auf den Titel würde ich noch lange nicht von einem Desaster sprechen, auch wenn gerade einige technische Fehlgriffe nicht hätten sein müssen in einem Spiel, das bereits seit zwei Jahren in einer anderen Sprachausgabe erhältlich ist. Gerade in den ersten Leveln hatte ich öfters ziemlich lästige Bugs, in denen die Steuerung entweder nur verzögert oder gar nicht wahrgenommen wurde. Trotz des Sprint-Knopfes fühlt sich das Spiel sehr langsam an und trotz zahlreicher NPCs zum Interagieren sehr leer. Gerade hinsichtlich letzteren Punkt hätte ich mir einfach mehr Motivationshilfen gewünscht, die das Erkunden attraktiver machen. Sicher ist es ganz witzig die diversesten Kostüme für den eigenen Charakter zu finden und anzulegen, aber gerade, da auch Geld eine Rolle spielt und man Hunger und Durst bekämpfen soll, vermisst man dahingehend relevante Funde in den teilweise völlig leeren Gebäuden.

Überhaupt wäre es auch schön, wenn die Story einem roten Faden folgen würde und nicht nur aus unzähligen nicht zusammenhängenden Kurzgeschichten bestünde. Man bekommt überhaupt kein Gefühl für den wahlweise männlichen oder weiblichen Protagonisten, für seine quasi non-existente Geschichte. Der Fokus liegt wirklich auf den Menschen, die man unterwegs trifft, aber auch hier fehlt mir letzten Endes die emotionale Bindung. Obgleich zu festgelegten Zeitpunkten in der Handlung wie als Jumpscares Häuser einstürzen oder Feuer ausbrechen, kommt irgendwie kein wirkliches Katastrophen-Feeling auf – es geht so oft um so belanglose Kinkerlitzchen, dass das Drama einer fast vollkommen zerstörten Stadt, zahlloser Toter und zerstörter Existenzen nahezu vollkommen untergeht.

Grafisch bin ich zufrieden. Auf den ersten Blick sehen die Charaktere ziemlich gut aus, lassen nur speziell in den Zwischensequenzen Feinheiten in Mimik und Handbewegungen vermissen. Diese fehlende Liebe zum Detail fällt auch in den Umgebungen auf, die an sich nicht schlecht aussehen, aber völlig generisch und lieblos zusammengestellt wirken.

Das Spiel ist allein vom ungewöhnlichen Setting her bereits interessant und zu einem gewissen Grad hin auch spannend, hätte aber deutlich mehr Politur und konkretere Ideen vertragen können. Wenn man sich auch mit Spielen ohne viel Action anfreunden kann, bleibt man durchaus irgendwie am Ball um herauszufinden, worauf das alles denn nun hinausläuft, wirklich gefesselt ist man von der Handlung oder vom Gameplay aber leider zu keinem Zeitpunkt.

6.2

Wertung

6.2/10
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